Frau Thaler, Herr Maier, das Amt und ich

Frau Thaler, Herr Maier, das Amt und ich

Es ist Frühling 2017. Ich will mich selbstständig machen. Dafür brauche ich einen Gründerzuschuss vom Arbeitsamt. Erzähle ich davon anderen Leuten, sagen sie: Das würde ich mir nicht antun. Etwas von einer Behörde wollen! Das ist das Schlimmste, das man sich vorstellen kann!

Mir ist das egal. Nein, egal nicht, aber ich will das in Kauf nehmen. Ich will endlich Freie sein – und damit ist ein Gründerzuschuss quasi alternativlos.

Gut, ich rufe also bei der Hotline der Agentur für Arbeit an. Meine Stimme zittert, ich habe ein bisschen Angst. Es tutet. Was machen die wohl mit Menschen, die ihre Arbeit freiwillig aufgeben? Die sich der Pflicht der deutschen Bundesbürger entziehen, am Bruttosozialprodukt beteiligt zu sein? Ignorieren? Quälen? Bestrafen? Es meldet sich eine junge, freundliche Stimme. Der Herr ist höflich und nett. Ja, kein Problem, er schaut mal, ob ich schon angelegt bin (wo?), also im Computersystem (ah so), siehe da, da bin ich (puh), dann aktiviert er mich mal (toll!). Ja, und wenn ich jetzt dann kündige? Das ist gar kein Problem, sagt der junge Mann, ich soll mich dann einfach nochmal melden.

Ich atme auf. Von wegen anstrengend, so ein Quatsch. Eine tolle Behörde ist das! Echte Unterstützung bekommt man da! Mit diesem Aufwind im Kreuz schreibe ich meine Kündigung, stelle dann fest, dass ich vielleicht schon zu spät dran bin für dieses Quartal, und verschicke sie also panisch in dreifacher Ausfertigung (wenn schon zu spät, dann wenigsten mit Nachdruck). Mal sehen, ob das noch akzeptiert wird.

Ich warte und warte und warte, und nach einer Woche kommt die Kündigungsbestätigung per Post. Ich bin glücklich. Ich rufe beim Arbeitsamt an, wieder eine junge Stimme, wieder freundlich. Aha, aha, gekündigt haben Sie, okay, das gebe ich ein, wann wurde die Kündigung losgeschickt? Vor einer Woche. Ach so, dann rufen Sie jetzt aber zu spät an, sie werden dafür zehn Tage vom Arbeitslosengeld gesperrt. Was? Ich sollte danach anrufen, und das habe ich! Ich habe nur auf die Bestätigung gewartet, ich wusste doch noch gar nicht, ob die Kündigung rechtzeitig angekommen ist! Nein, da kann man nichts machen, tut mir leid, sagt der junge Mann, Sie müssen sich innerhalb von zwei Tagen melden, und zwar von dem Tag an, an dem Sie die Kündigung ausgesprochen haben. Habe ich gar nicht, sage ich, ich hab sie ausgeschrieben. Aber da bleibt er hart. Vielleicht entscheidet mein Leistungsbetreuer später anders, sagt er. Mir läuft es kalt den Rücken herunter. Mein Leistungsbetreuer? Der betreut meine Leistung? Wie soll das gehen? So, Frau Praun, jetzt üben wir mal: Stift in die Hand, und jetzt schreiben, schreiben, schreiben, das muss doch schneller gehen, zack, zack! Aber keine Panik, erst einmal muss ich zum Berater, erklärt der junge Mann am Telefon. Na, das hört sich doch schon etwas milder an. Ich bin im akademischen Kreis (aha), also bekomme ich eine akademische Beraterin, sagt er – oh, wie elitär. Sie wird sich melden.

Das tut sie auch, per Brief und Terminansage. Gut, ich folge und sitze also einige Tage später pünktlich um 8 Uhr im hässlichsten Gebäude von ganz München. Ja, da kennt sie nichts, die Obrigkeit, wenn ein Bürger schon meint, dass er nicht mehr arbeiten muss, dann soll ihm das Naserümpfen ob dieser Entscheidung auch optisch vor Augen geführt werden. Meine akademische Beraterin heißt Frau Thaler*. Irgendwie sieht sie gar nicht so aus, wie ich sie mir vorgestellt habe. Nicht so elitär. Eher… zerknautscht. Oder verlebt. Oder, besser: vergilbt. Egal, auf jeden Fall scheine ich auch nicht ihren Erwartungen zu entsprechen, denn als erstes rümpft sie die Nase. Und zwar über meinen Lebenslauf, den ich in vorauseilendem Gehorsam ausgedruckt und mitgebracht habe. Dort steht mein Name, meine Adresse, dann der Begriff “Angestrebte Tätigkeit” und dann: “Selbstständige Journalistin”. Frau Thaler seufzt. “Hier haben wir schon das erste Problem”, sagt sie. Das erste? “Was ist?”, frage ich vorsichtig. “Hier steht ,selbstständige Journalistin‘, in meinem Computer steht aber ,festangestellte Redakteurin‘”, seufzt Thaler.

Ich stutze. Ich sage freundlich: “Das ist ja auch nur meine angestrebte Tätigkeit, wie Sie hier geschrieben sehen…” Sie sagt: “Ah ja.” Gut, die erste Hürde ist geschafft. Doch die nächste nähert sich schon hurtig: als eine verpasste Informationsveranstaltung. Verpasst? Ja, die war letzte Woche, sagt Frau Thaler, da hätten Sie hingehen sollen. Aber… ich wusste doch gar nichts davon? Das ist für Frau Thaler offenbar irrelevant, sie kommt aus dem Seufzen gar nicht mehr heraus. “Das wäre genau das richtige für Sie gewesen!”, schimpft sie. “Wann das das nächste Mal stattfindet, weiß ich nicht! Das kann erst im Herbst sein!” Aha: Ich bin ein echter Problemfall für die gute Frau. Nun gut, ich beteuere meine Hoffnung darauf, dass ich dann eben das nächste Mal daran teilnehmen kann.

Das lässt Frau Thaler mal so stehen, denn jetzt geht es ans Eingemachte. Warum ich gekündigt habe? Warum ich mich selbstständig machen will? Darauf bin ich vorbereitet, ich pariere elegant, erkläre ausführlich meine Beweggründe und hole mein Ass im Ärmel heraus: Ich habe mich auch schon ausführlich zur Selbstständigkeit beraten lassen, freiwillig, selbstständig, quasi. Das scheint etwas zu beeindrucken, denn nun will Frau Thaler mich „eruieren“. Das sieht so aus: Sie zeigt mir den Computermonitor auf dem zwei Begriffe stehen, etwa “strukturiert” und “flexibel”. Dann soll ich ihr sagen, welchen Begriff sie ankreuzen soll. Ist ein bisschen wie bei einem Charakterquiz im Internet: Eigenständig oder teamorientiert? Konferenzschläfer oder -unterbrecher? Spülmaschineneinräumer oder Tasse-in-die-Spüle-Steller? Na, oder so ähnlich. Weiter geht es dann mit meinen „Kompetenzen“ à la 90er-Jahre-Lebenslauf: Frau Thaler kreuzt alle meine Fremdsprachen-, Computer- und Wordkenntnisse an; gibt es auch noch sonstige Fähigkeiten? Nein, nein, natürlich nicht.

Trotzdem seufzt Frau Thaler wieder. “Den Lebenslauf können wir so aber nicht eingeben. Da sitze ich ja ewig dran. Das machen Sie dann von zu Hause aus.” Kein Problem, Frau Thaler. Die entspannt sich langsam. Ich bin wohl doch gar kein so großer Problemfall, sondern relativ selbstständig, “da hab ich ganz andere Pappenheimer”, sagt sie. War das jetzt ein Lob? Ich lächle vorsichtig. Schlussendlich erklärt sie mir noch, wie es weitergeht: Ich muss meinen Arbeitslosengeldantrag ausfüllen. Dann wird mein Leistungsbetreuer über meinen Arbeitslosengeldantrag entscheiden. Wenn ich dann ein Anrecht auf das Arbeitslosengeld haben sollte, darf ich den Gründerzuschuss beantragen. Okay, gut, dann auf Wiedersehen, Frau Thaler (oder auch hoffentlich nicht).

Einige Wochen und einige Briefe, Fragebögen. Formulare, Zuweisungen, Anweisungen und schriftliche Befehle später sitze ich also wieder in dem deprimierenden Betonbau. Diesmal aber habe ich den Termin aller Termine: Ich treffe auf meinen Leistungsbetreuer.

Punkt 8 Uhr werde von Herrn Maier ins Büro gerufen. Er ist ein gemütlich wirkender älterer Herr, etwas rundlich, recht bayerisch. Er zeigt auf einen Stuhl an der Stirnseite seines Schreibtischs, ich setze mich hin, er nimmt auf seinem Stuhl vor dem Computer Platz. Ich versuche, ihm alle Formulare, Briefe und Lebensläufe, die ich vorbereitet habe, als gesammelte, eindrucksvolle Akte zu übergeben. Er nimmt die Papiere an sich, wühlt ein wenig darin herum, zieht etwas heraus und schaut in seinen Monitor. Er klickt auf seiner Maus herum. Er tippt etwas. Er schaut auf die Papiere, dann auf den Monitor.

Er sagt nichts.

Ich schaue auf den Tisch, auf sein Gesicht, auf seine Tastatur. Den Monitor kann ich leider nicht direkt sehen, der ist leicht weggedreht. Ich betrachte meine Hände. Er klickt auf seiner Maus herum. Er tippt etwas. Er schaut auf die Papiere, dann auf den Monitor.

Er sagt nichts.

Ich lasse meinen Blick schweifen. Das Büro ist nicht sehr groß. Die Fenster sind groß, aber das Rollo ist ziemlich weit heruntergelassen, ich kann keinen Ausblick genießen. An der Wand rechts hängt nichts. An der Wand links hängt eine Pinnwand, darauf hängt auch nichts. Die Wand sieht eigentlich ganz schön eklig aus, wenn man sie so näher betrachtet. Die Tapete ist an einigen Stellen eingerissen, die Farbe war vermutlich mal mausgrau, oder aschgrau, vielleicht auch steingrau. Jetzt ist sie eher gelbgrau. Ob die hier drin früher noch rauchen durften? Klar durften die das. Und klar hat mein Leistungsbetreuer früher hier drin geraucht, so sieht er jedenfalls, aus, als ob er gerne mal eine raucht und auch gerne mal ein Bier trinkt – wirklich, sehr gemütlich sieht er aus, fast sympathisch.

Nur redselig ist er halt nicht.

Wenn eine Uhr in dem Raum hängen würde, würde sie jetzt vermutlich recht unbarmherzig ticken, nur hängt da keine Uhr, also höre ich weder ein erbarmungsloses Ticken, noch kann ich sehen, wie viele Minuten ich schon hier sitze. Fünf? Zehn? Ich wage es nicht, auf die Uhr an meinem Handy zu schauen, schließlich wäre es unhöflich, einfach so das Handy aus der Tasche zu ziehen. Ich will auch bereit sein für den Fall, das mein Leistungsbetreuer mit mir sprechen will. Oder mit meiner Leistung vielleicht. Aber er scheint nicht die geringste Absicht zu haben, mich in sein Tippen, Klicken und Schauen mit einzubeziehen.

Ich blicke wieder auf meine Hände, höflich ist das ja nicht, wenn man die ganze Zeit jemanden anstarrt, der einen so gar nicht ansieht. Herr Maier scheint eben recht fasziniert von seinem Monitor zu sein. Oder gelangweilt? Plötzlich überfällt mich eine leichte Panik. Vielleicht weiß dieser Leistungsbetreuer schon längst, dass er meine Leistung gar nicht betreuen will, ja sie gar nicht betreuen kann, weil sie viel zu erbärmlich ist! Vielleicht hat er schon in er ersten Minute beschlossen, dass ich eines Gründerzuschusses niemals würdig sein werde, ja dass er mich nicht nur für drei Monate Arbeitslosengeld sperren will, sondern für ganze zwölf Monate, ja, vielleicht für mein ganzes Leben! Ja, womöglich will er mich aus dem ganzen System herausstreichen, für immer! Frau Praun, wird er sagen, Sie bekommen von uns gar nichts, denn sie sind einer Leistung nun wirklich nicht würdig. Das wird er sagen, oder so was ähnliches, wahrscheinlich überlegt er nur noch, wie genau er mir das beibringen soll, schließlich scheint er ja an sich ein freundlicher Mensch zu sein. Meine Knie beginnen zu zittern. Mir wird übel. Warum ist denn hier nicht einmal das Fenster geöffnet? Pflanzen stehen auch keine herum… Ja, gibt es in diesem Zimmer gar nichts Freundliches, nichts Menschliches, nichts Beruhigendes? Nein. Das gibt es hier nicht.

Ich versuche, mich selbst zu beruhigen. Ich sage mir: Nina, das macht gar nichts. Dann bekommst Du eben kein Arbeitslosengeld. Dann meldest Du Dich halt gleich selbstständig, und wenn Du am Anfang noch keine Aufträge hast, dann gehst Du halt wieder kellnern. Irgendwie wirst Du Dich schon durchschlagen. Du brauchst kein Arbeitsamt, schon gar kein Arbeitsamt, das nicht mal Arbeitsamt heißt!

Herr Maier klickt.

Ich blicke auf. Er starrt in seinen Monitor. Ich überlege, ob ich was sagen soll. Ja, hätte ich gleich zu Beginn was sagen sollen? Ist es nicht meine Aufgabe, dem Leistungsbetreuer zu zeigen, was für ein leistendes Wesen ich bin? Oder: Wie sehr ich eine betreute Leistung brauche? Tja, wie sagt man denn sowas… Eigentlich ist auch schon viel zu viel Zeit verstrichen. 20 Minuten? 30? Jetzt kannst Du eh nichts mehr sagen, jetzt ist das schon durch, sage ich mir: Du kannst nur noch warten. Warten. Warten.

Ich versuche, mir vorzustellen, wie ein Arbeitstag eines Leistungsbetreuers aussieht. Geht das den ganzen Tag so? Er bittet einen Menschen nach dem anderen in sein Büro, und dann arbeitet er weiter, in Anwesenheit der Person? Vielleicht findet er das ganz nett, so in Begleitung zu arbeiten, ist ja auch einsam in so einem kleinen, kahlen, grauen Büro den ganzen Tag. Oder hat er schlicht und einfach vergessen, dass da jemand sitzt? Das kann ja jedem mal passieren. Kaum kuckt man in den Monitor, schon verschwindet die reale Welt um einen herum – zack, ist man vom Internet verschluckt. Der wird doch nicht Pornos…? Ne, also wirklich, so ein Quatsch, der ist doch nicht pervers oder so.

Ich seufze leise in mich hinein, ich will ja nicht unangenehm auffallen. Aber nun kribbelt es in mir. Ich muss mich bewegen. Ich rutsche auf meinem Sitz hin und her,ganz vorsichtig.

Da klaubt Herr Maier meine Unterlagen zusammen und überreicht sie mir. Ich nehme sie entgegen. „Danke“, sagt er. Ich starre ihn an. „Äh, was heißt das jetzt?“, frage ich dämlich, meine Stimme zittert dabei leicht. „Das passt alles“, sagt Herr Maier, man könnte sagen, dass dabei eventuell sogar ein freundliches Lächeln über sein Gesicht gehuscht ist. „Das passt?“, frage ich. „Dann… Darf ich den Gründerzuschuss beantragen?“ – „Ja, natürlich“, sagt Herr Maier. Ich stehe auf. Ich sage „danke“ und „auf Wiedersehen“, ich versuche, zu lächeln und verlasse auf wackligen Beinen das Zimmer.

Draußen hängt eine Uhr. Sie tickt.

Es ist 8.51 Uhr.

(*Alle Namen wurden von mir persönlich geändert. Außer mein eigener.)