Die Kleine Hufeisennase

Die „Kleine Hufeisennase“ haust gerne fürstlich: etwa in Schlössern, Burgen oder Kirchen. Gut, dort bewohnt die Hufeisennase zwar nur den vergessenen Speicher; aber stilvoll wirken diese Wohnorte trotzdem. Doch diese scheinbar elitäre Quartier-Wahl ist nicht der Grund, warum die Fledermaus-Art bei uns fast ausgestorben ist. Mittlerweile weiß man nur noch von elf „Wochenstuben“, das sind Wohngemeinschaften von Weibchen und ihren Jungen, „dabei war sie noch in den 1950er Jahren die häufigste Fledermausart in Bayern“, erzählt Beate Rutkowski.

Damals bewohnte sie noch ganz einfache Speicher, etwa in Bauernhäusern. Doch als die Gebäude saniert und renoviert wurden, als jedes Loch in der Wand zugemauert und alle Zugluftschächte geschlossen wurden, gab es dort kein Platz mehr für die Kleine Hufeisennase, oder für „Hufi“, wie Beate Rutkowski liebevoll sagt. Die 56-Jährige ist freiberufliche Diplom-Biologin und engagiert sich seit Jahrzehnten für den Bund Naturschutz in Traunstein. Dabei ist sie zu einer echten Fledermaus-Expertin geworden, eben auch für „Hufi“. Sie kennt die Gründe dafür, dass die Art so selten geworden ist: Dass die Insekten, also ihr Fressen, schwindet, ist etwa ein Problem; und auch Holz- oder Pflanzengift, das sie durch die Insekten aufnimmt, schadet ihr sehr. „Außerdem mag sie viel Struktur: dichte Laubbäume, Hecken, Sträucher. „Und sie braucht Dunkelheit, angestrahlte Gebäude etwa mag sie gar nicht“, erklärt Rutkowski.

Deshalb ist es so auch wichtig, dass die wenigen Quartiere, die es gibt, Hufeisennasenfreundlich bleiben. Also berät Rutkowski und ihre Kollegen die Besitzer der Quartiergebäude. Wie etwa das Schloss Neubeuern: Dort ist Rutkowski selbst bei einer Untersuchung auf die Art gestoßen. Versteckt hinter Gerümpel und altem Mobiliar hingen die Damen und ihr Nachwuchs von einem Dachbalken hinab. Eine anderes Grüppchen lebt auf Schloss Herrenchiemsee, zusammen mit weiteren Fledermaus-Arten. Ihnen zu Ehren wurde im Lichthof eine kleine Ausstellung aufgebaut, bei der man die Tiere sogar über einen Monitor beobachten kann, ohne sie zu stören. Denn das ist auch etwas, das den Hufeisennasen sehr wichtig ist: Ruhe. Den Namen hat sie übrigens wegen des Aussehens ihrer Nase. Die auch wichtig ist: Mit diesem Hautlappen „hört“ die Kleine Hufeisennase, sie fängt damit die Ruflaute auf, die sie zur Orientierung losgeschickt hat. Das ist besonders, denn die meisten anderen Fledermaus-Arten verwenden dafür ganz gewöhnlich: das Ohr.

(Bildquellen Fotos: Portrait: Toni Mader; Hufi: Dr. Andreas Zahn)

Die Holzbiene

Wenn derzeit ein schwarzes, dickes, brummelndes Etwas an einem vorbeifliegt, dann könnte das: eine Biene sein. Eine schwarze Biene? Ja, ganz richtig, und zwar eine „Holzbiene“. „Sie sind derzeit unterwegs und begatten sich“, erzählt Ulrich Buchholz. Der Artenkenner betreut mit Kollegen den „Forchheimer Artenkennerpass“, der von der Bund-Naturschutz-Kreisgruppe vor Ort in Kooperation mit anderen Institutionen angeboten wird, und dessen Ziel es ist, jüngeren Menschen Artenwissen näher zu bringen. Buchholz eignet sich perfekt dafür, er ist nicht nur beruflich Diplom-Biologe, die „Vermittlung von Artenkenntnis ist auch mein Hobby“, sagt der 58-jährige Forchheimer.

Bei dem Projekt bringt er den Teilnehmern unter anderem die Wildbienen näher, er kennt sich also aus mit unserer Holzbiene. Oder genauer mit unserer „Blauflügeligen Holzbiene“, denn wenn man in unseren Gefilden auf eine Holzbiene trifft, ist das für gewöhnlich eine solche. Wobei man als Laie eben nicht gleich darauf kommen könnte, dass es sich bei dem Exemplar um eine Biene handelt – eigentlich sieht sie eher aus wie eine Fliege, könnte man meinen. Doch davon will der Experte nichts hören: „Nein, die Biene hat doch vier Flügel!“ (Man merke sich: Fliegen haben wohl zwei Flügel.) Eher sehe die Holzbiene aus wie eine schwarze Hummel mit blau-violett schimmernden Flügeln. Sie kommt aus den Tropen, hat sich aber bei uns etabliert, ist also folglich wärmeliebend, lebt etwa an warmen Flussauen, im Weinbau, auf Streuobstwiesen und auch mal in Gärten, auf jeden Fall da, wo es Totholz gibt – für die Eiablage. „Lebende Bäume rührt sie nicht an, sie ist kein Schädling“, versichert Buchholz. Mit ihren Kauwerkzeugen, die viel stärker sind als die der Wespen, gräbt sie Löcher und Gänge in das Holz. Alleine, denn die Holzbienen bilden kein Volk wie die Honigbienen, „jede einzelne ist quasi eine Königin“, so der Experte. Sie treffen sich nur zur Begattung, das Weibchen legt die Eier dann in den Holzgängen ab. Sollte man also ein großes Loch in Totholz finden, etwa 12 bis 15 Millimeter im Durchmesser, in das ein großes schwarzes Etwas abtaucht, dann ist das vermutlich unsere fleißige Holzbiene. Und ja, sie kann stechen – aber: Sie tut es nicht.

Das Glückswidderchen

Was für ein Name: Glücks-Widderchen. Dabei denkt man doch an einen kecken Bock; vielleicht noch an ein kuscheliges Kaninchen – vermutlich aber nicht an einen zarten Schmetterling. Doch genau das ist es: ein Tagfalter. „Widderchen“ heißen diese Falter wegen ihrer eindrucksvollen gebogenen Fühler, das „Glück“ kommt aus dem lateinischen Namen, „Zygaena fausta“, also in etwa: „Das Glück bringende Widderchen“. Leider ist ungeklärt, warum es Glück bringen soll. Vielleicht, weil es so zutraulich ist: „Der Falter ist auch so besonders, weil er nicht wegfliegt“, erzählt Christiane Brandt. „Es ist ein wirklich gemütlicher Genosse, er hat keine Angst. Wenn man ihm den Finger hinhält, dann steigt er vielleicht sogar drauf.“

Brandt ist Diplom-Biologin und Gebietsbetreuerin „Muschelkalk“ beim Landschaftspflegeverband Würzburg und Main-Spessart. Das ist ein „ganz besonderes Gebiet, einmalig auf der Welt“, erklärt die 58-Jährige, es ist eine spezielle geologische Formation, auf der eine Art mediterranes Klima herrscht, und so leben hier Arten aus der letzten Eiszeit zusammen mit Arten aus den nachfolgenden Wärmezeiten. Darunter auch: das Glückswidderchen.

Denn genau dort wächst seine Lieblingsblume, die „ Bergkronwicke“. Auf sie ist es angewiesen: Auf ihr legt es im Sommer seine Eier ab, etwa 10 bis 15 Stück pro Blatt. Dann schlüpfen etwa drei Wochen später die Raupen, fressen sich satt und lassen sich kugelrund auf den Boden fallen, wo sie den Winter verbringen, zusammengepfercht unter Blättern. Erst, wenn es wieder wärmer wird, also jetzt, kommen sie wieder raus und fressen sich weiter satt, bis sich sich verpuppen. Der rot-schwarze Falter entpuppt sich dann im Sommer, etwa im Juli, je nach Wetter. Genau zu dieser Zeit kann man das Glückswidderchen also in seiner vollen Schönheit und Zutraulichkeit erleben, aber eben nur in ganz speziellen Gebieten – ein Ausflug in das Naturschutzgebiet Grainberg-Kalbenstein etwa lohnt sich zu dieser Zeit. Dort ist auch Christiane Brandt unterwegs. Sie sorgt dafür, dass die stark gefährdeten Arten dort überleben können, indem sie etwa gegen die Verbuschung kämpft. Früher geschah das automatisch, als ständig Brennholz aus dem Wald geschnitten wurde und ein paar Schafe die Flächen entspannt beweideten – heute aber wird entweder intensiv bewirtschaftet oder gar nicht. Das verträgt die Bergkronwicke nicht; sie braucht lichte Standorte. Und etwas Glück, vermutlich. Wie gut, dass sie das Glückswidderchen immer bei sich trägt.

(Bildquelle Foto Falter: Herbert Kirsch)

Wer Interesse daran hat, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, kann sich per E-Mail an die Gebietsbetreuerin Christiane Brandt wenden: brandt-floren@web.de.

Der Hirschkäfer

Das allererste Zusammentreffen fand nicht leibhaftig statt, sondern nur bildlich. Axel Schreiner hatte im Studium der Forstwirtschaft Ende der 80er Jahre ein Buch zur Hand genommen, in dem die Tiere des Waldes in Originalgröße abgebildet waren. Kleinsttiere wie der Lärchenblasenfuß, nur ein Millimeter groß, waren somit leider nicht mehr zu erkennen – der Hirschkäfer aber erschien umso beeindruckender mit seinen neun Zentimetern Länge. „Er sieht aus wie aus der Zeit gefallen, fast wie ein Ungeheuer“, dachte Schreiner damals fasziniert. Die zwei Jahre, die er danach in einem Forst arbeitete, kam ihm aber kein einziges solches Ungeheuer unter die Nase. Doch als er den Arbeitgeber wechselte, in das Naturschutz- und Jugendzentrum Wartaweil (Landkreis Starnberg), da dauerte es nicht lange, schon begegnete er dem ersten Hirschkäfer, live und in Farbe. Selbst als Schreiner einen Fotoapparat holte, blieb der Hirschkäfer brav an seinem Platz sitzen und ließ sich dann entspannt ablichten. „Der hat vor nichts Angst“, sagt Schreiner. „Nicht mal vor uns Menschen.“

Genau diese Verwegenheit beeindruckte Schreiner bald noch einmal: Ein Hirschkäfer tauchte bei einem Foto-Seminar in Wartaweil auf, platzierte sich auf dem Terrassengeländer und ließ sich von allen Teilnehmern bestaunen und fotografieren – er posierte geradezu.

Das hat der männliche Hirschkäfer auch gelernt, das Posieren. Als Larve verbringt er Jahre verpuppt am Boden zu. Sein Leben als Käfer dauert nur etwa acht Wochen lang. Er verbringt es erstens damit zu, Eichen zu finden, denn er kann sich einzig und allein nur von Eichensaft ernähren. Und zweitens damit, ein Weibchen zu beeindrucken und für sich zu gewinnen. Notfalls muss er dabei einen Gegner vom Ast stoßen, deshalb auch das Geweih.

Dieses kurze Leben aber ist gefährdet. Denn der Eichensaft ist in einem bewirtschafteten Wald nicht zu finden, da dafür erst einmal eine Faulstelle an der Eiche entstehen müsste, doch faulende Bäume werden gefällt. Das Fazit: „Es bräuchte also dringend wieder Urwälder“, sagt Schreiner. Damit man nicht bis nach Wartaweil fahren muss, um einem eindrucksvollen Ungeheuer zu begegnen.

Der Dreistachlige Stichling

Bunte Fische gibt`s nur in der Südsee? Von wegen. In allen unseren heimischen Gewässern schwimmt ein munterer kleiner Fisch umher, der einen knallorangenen Hals hat: der „Dreistachlige Stichling“. „Ein“ munterer Fisch ist jedoch untertrieben, vom Stichling gibt es sehr viele Exemplare bei uns Bayern. Man könnte fast sagen: „Es geht ihnen wohl ein bisschen zu gut“, sagt Joachim Bretzel.

Der 27-Jährige Ökologe und Landschaftsplaner hat lange Zeit am Bodensee gelebt und geforscht, und ist dort ist er mit einer Art Stichling-Mysterium in Berührung gekommen. Denn im Bodensee gibt es ihn in Massen, mittlerweile. Er ist dort eine invasive Art, über die Zuflüsse ist er wohl in den 1950er Jahren dort hineingeraten. Vor wenigen Jahren dann gab es dann eine Art „Stichlingsexplosion“, sagt Bretzel, heute schwimmen riesige Schwärme mit tausenden Fischen durch den See. Wie es dazu gekommen ist, weiß man noch nicht so genau, doch eines ist klar: Der Stichling ist derzeit wohl ein „optimaler Gewinner“, sagt Bretzel.

Doch da der anpassungsfähige Stichling innerhalb unserer Süßwasserfische auch ein bemerkenswertes, spannendes und relativ einzigartiges Brutverhalten zeigt, dürfen wir uns also für den kleinen Fisch einfach mal freuen. Vor allem für die männlichen Exemplare: Sie nämlich ziehen den Nachwuchs groß. Die Männchen bauen die Nester, locken ein paar unterschiedliche Weibchen an, die sie befruchten und deren Eier sie dann im Nest ansammeln. Die Weibchen werden schnell wieder verjagt, und auf das kunterbunte Gelege passen die Herren dann alleine auf wie auf ihren Augapfel und verteidigen es vor Feinden.

Denn der Stichling ist ein tapferer kleiner Geselle, sein Name verrät seine Strategie: Er hat drei Stacheln am Rücken, die er bei Bedarf aufstellen kann, wenn sich zum Beispiel ein natürlicher Feind nähert, etwa ein Raubfisch oder ein Raubvogel. Die Stacheln sind aus Knochenplatten und können richtig piksen. Es ist also nicht empfehlenswert, einen Stichling in die Hand zu nehmen – auch wenn er nicht giftig ist. Man sollte ihn also in einfach Ruhe zu lassen. Aber beobachten darf man ihn schon, er ist überall zu finden, in Bächen, Flüssen, Seen. Und wer im Sommer das wahre Südsee-Gefühl sucht, der findet es ganz einfach beim Schnorcheln im Bodensee. Ehrlich: Der Stichling, so Bretzel, ist „wirklich sehr hübsch“.

Die Arten(kenner)-Serie: Die Haselmaus

Viele Arten sterben aus – das wissen wir mittlerweile. Aber woher eigentlich? Von: den Artenkennern*. Das sind sensationelle Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Natur ganz genau zu beobachten. In einer kleinen Serie (die seit einigen Monaten jeden Montag im Münchner Merkur erscheint) stelle ich jeweils eine Art und ihren Artenkenner vor. Und weil diese Serie und all ihre Teilnehmer so toll sind, veröffentliche ich einige hier auf meiner Website.

Heute geht es um: die – zuckersüße – Haselmaus!

Haben Sie schon einmal eine Haselmaus durch ihren Garten huschen sehen? Nein? Kein Wunder. Denn: „Die Haselmaus ist überhaupt nicht auf dem Boden unterwegs, sondern nur auf Bäumen oder Sträuchern“, sagt Hartmut Schmid. Warum das? Weil sie gar keine Maus ist – sondern ein Bilch. Ihre nahen Verwandten sind der Sieben-, der Garten- und der Baumschläfer; selbst mit Eichhörnchen ist sie näher verwandt als mit „echten“ Mäusen. Sie sieht ihnen aber ähnlich. Aber: Sie ist viel goldiger. Das sagt der Experte: „Sie ist das süßestes, was man sich ungefähr vorstellen kann – ein richtiges Hascherl“, erzählt Schmid.

Der 59-Jährige aus Donaustauf (Kreis Regensburg) ist landschaftsökologischer Gutachter und Gebietsbetreuer beim Landschaftspflegeverband Regensburg. Er hatte schon einige Male die Ehre, Haselmäusen zu begegnen, dabei ist so ein Treffen keinesfalls selbstverständlich. Es ist sehr schwierig, sie zu finden, Laien würden sich „dumm und deppert“ suchen, sagt der Artenkenner kichernd. Denn die Haselmaus ist nachtaktiv und kommt nur heraus, wenn es stockdunkel ist. Experten suchen also nicht nach dem Tier, sondern erst einmal nach den Haselnüssen. Daher auch der Name: im Herbst frisst sich die Haselmaus an Haselnüssen kugelrund, als Vorbereitung für den langen Winterschlaf. Dabei knabbert sie ein Loch in die Nuss, und anhand der Schalen samt Loch und spezieller Knabberspuren kann der Experte deuten, das hier eine Haselmaus am Werk war. Man kann sich vorstellen, dass es also eine recht aufwendige Angelegenheit ist, nachzuweisen, wo genau die Haselmaus lebt. Deshalb ist es auch schwer zu sagen, ob es ihr nun gut geht oder nicht. „Da gibt es eine große Unsicherheit“, berichtet Schmid. In einem Projekt mit dem Bund Naturschutz sucht Schmid nach Gartenschläfern, und merkt: „Deren Bestände brechen zusammen.“ Der Haselmaus könnte es ähnlich ergehen. Denn Vieles, was sie liebt, verschwindet, Höhlen, Verstecke, unordentliche Sträucher. Ein Brombeergestrüpp etwa, das liebt sie, da baut sie sich ihr Nest direkt hinein, damit ihr das Futter direkt vor die Nase wächst. Die Brombeere ist nämlich ihr Leibgericht. Schmid schmunzelt. „Eigentlich müsste sie Brombeermaus heißen.“

(Bildquellen Fotos: Schmid)

*Auch die Artenkenner sterben aus – das hat der Bund Naturschutz in einer Studie nachgewiesen. Deshalb wird dringend Nachwuchs gesucht! Und damit sind in diesem Fall nicht nur (aber auch) blutjunge Schüler und Studenten gemeint, sondern alle Menschen jeglichen Alters, die Zeit und Lust auf ein neues Hobby haben (das zudem – Win-Win-Situation – auch noch Sinn macht). Mehr Infos gibt es dazu hier: https://www.bund-naturschutz.de/artenschutz-in-bayern/erosion-der-artenkenner/natur-und-artenkenner-werden.html.

Die Arten(kenner)-Serie: Der Buchdrucker

Viele Arten sterben aus – das wissen wir mittlerweile. Aber woher eigentlich? Von: den Artenkennern*. Das sind sensationelle Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Natur ganz genau zu beobachten. In einer kleinen Serie (die seit einigen Monaten jeden Montag im Münchner Merkur erscheint) stelle ich jeweils eine Art und ihren Artenkenner vor. Und weil diese Serie und all ihre Teilnehmer so toll sind, veröffentliche ich einige hier auf meiner Website.

Heute geht es um: den Buchdrucker! (Aka: Borkenkäfer.)

„Buchdrucker“ hört sich so harmlos an. Doch wehe, man hört den Überbegriff: Borkenkäfer! Schon tauchen Bilder von gefräßigen Monstern auf, die unschuldige Bäume massenweise als tote Gerippe hinterlassen. Doch hier gilt es, mit einigen Vorurteilen aufzuräumen. Erstens: Nicht jeder Borkenkäfer schadet. Es gibt etwa 110 Arten von Borkenkäfern in Deutschland, und nur „ganz wenige davon können Schäden im wirtschaftlichen Sinne anrichten“, erklärt Sebastian Seibold – darunter eben der Buchdrucker. Doch zweitens: Selbst dieser Buchdrucker ist kein Monster, sondern: „Es ist Teil seiner Ökologie, dass er lebende, gesunde Fichten besiedeln kann“, erklärt der Wissenschaftler an der TU München am Lehrstuhl für Ökosystemdynamik und Waldmanagement und stellvertretende Leiter des Sachgebiets Forschung im Nationalpark Berchtesgaden.

Teil seiner Ökologie? Das hört sich so schlicht an, doch in Wirklichkeit spielt sich da Unglaubliches ab. Der Buchdrucker ist ein unscheinbarer Käfer, winzig klein, etwa eineinhalb bis drei Millimeter groß, „man könnte ihn mit einem Dreckkrümel verwechseln“, berichtet Seibold. Sein Lieblings-Lebensraum befindet sich unterhalb der Fichtenrinde. Dort gräbt er Tunnel, legt Eier ab, und vor allem die Larven fressen dann das nährstoffreiche Gewebe, den „Bast“ zwischen Rinde und Holz weg, der Baum stirbt ab. Doch, und das ist wichtig: Ein einziger Käfer schafft es nicht, in dieses Fressparadies zu gelangen. Der Baum ist gewappnet mit klebrigem Harz und chemischen Abwehrstoffen – ein Käfer wird schnell abgetötet. Deshalb zieht er vereint in die Schlacht. Ein paar „Scouts“ suchen als Vorhut die Bäume ab, welcher ist schwach, angeschlagen? Dann rufen sie die Massen zusammen, per chemischer Kommunikation mit Duftstoffen. Vereint greifen sie zu tausenden den Baum an, nehmen ihn ein und vermehren sich massenhaft weiter.

Für Wirtschaftswälder ist das furchtbar, betont der 34-jährige Seibold. Doch der Experte weiß auch, dass der Buchdrucker eine heimische Käferart ist, die es eben überall da gibt, wo Fichten sind. Und: Er hat eine Funktion. Denn dort, wo man den Buchdrucker hausen ließ, etwa im Nationalpark Bayerischer Wald, sind vielfältige, robuste, stabile Wälder nachgewachsen, mit einer unglaublichen Artenvielfalt, bei Pflanzen wie bei Tieren. Er weiß, dass man den Käfer nicht in jedem Wirtschaftswald hausen lassen kann, aber vielleicht ab und an in einem Schutzgebiet oder in einem Privatwald? Eines ist ihm jedenfalls wichtig: „Ich plädiere dafür, nicht alles nur aus einer Perspektive zu sehen. Der Buchdrucker ist nicht nur ein Schädling.“ Sondern, wie wir nun wissen: ein tapferer, kluger, kleiner Krieger – auf der Suche nach dem Paradies.

(Bildquellen: Foto Buchdrucker: WikiCommons/ James K. Lindsey;
Foto Seibold: privat)

*Auch die Artenkenner sterben aus – das hat der Bund Naturschutz in einer Studie nachgewiesen. Deshalb wird dringend Nachwuchs gesucht! Und damit sind in diesem Fall nicht nur (aber auch) blutjunge Schüler und Studenten gemeint, sondern alle Menschen jeglichen Alters, die Zeit und Lust auf ein neues Hobby haben (das zudem – Win-Win-Situation – auch noch Sinn macht). Mehr Infos gibt es dazu hier: https://www.bund-naturschutz.de/artenschutz-in-bayern/erosion-der-artenkenner/natur-und-artenkenner-werden.html.

Die Arten(kenner)-Serie: Die Steinfliege

Viele Arten sterben aus – das wissen wir mittlerweile. Aber woher eigentlich? Von: den Artenkennern*. Das sind sensationelle Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Natur ganz genau zu beobachten. In einer kleinen Serie (die seit einigen Monaten jeden Montag im Münchner Merkur erscheint) stelle ich jeweils eine Art und ihren Artenkenner vor. Und weil diese Serie und all ihre Teilnehmer so toll sind, veröffentliche ich einige hier auf meiner Website.

Heute geht es um: die Steinfliege!

Wenn ein durstiger Wanderer wissen möchte, ob der Gebirgsbach, der da so imposant an ihm vorbeirauscht, wirklich gesundes Wasser führt, der sollte sich einfach mal umschauen: nach Steinfliegen. Denn die sind „tolle Indikatoren“ für die Gewässerqualität, sagt Katharina Stöckl-Bauer. Die 34-Jährige ist studierte Biologin, arbeitet an der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege in Laufen und ist Muschelexpertin und zudem Kennerin jener Arten, die auch für die Gewässer und somit die Muschel wichtig sind; wie eben die Steinfliege, die nur dort existiert, wo das Wasser eine extrem gute Qualität hat.

Denn die meiste Zeit ihres Lebens ist sie eigentlich gar keine Fliege, sondern eine Larve, und die lebt Tag und Nacht unter Wasser. Sie sitzt ganz unten im Bachbett, flach auf den Steinen, denn direkt über den Steinen gibt es kaum Strömung, also kann die Steinfliegenlarve dort entspannt sitzen und warten, auf: Futter. Die meisten Steinfliegenlarven (es gibt bei uns etwa 100 verschiedene Arten) sind nämlich Räuber, sie fressen also andere Larven, von Eintagsfliegen etwa. Das hört sich ziemlich kannibalisch an, ist es aber eigentlich gar nicht: Denn Steinfliegen haben mit Eintagsfliegen so viel gemein wie eine Wüstenspringmaus mit einem Elefanten – sie gehören einer ganz anderen biologischen „Ordnung“ an. Da sitzen die Larven also, fressen und häuten sich, 10 bis 25 Mal. Denn der Chitinpanzer ist ja recht starr, und wenn die Larven wachsen, wird er zu klein, also muss er abgeworfen werden. Jahrelang kann das so gehen, doch irgendwann ist es aber so weit, dann geht die Larve ans Ufer, häutet sich ein allerletztes Mal und so erscheint die „richtige“ Steinfliege. Dieses Insekt ist nicht vergleichbar mit unseren Stubenfliegen, es ist ein imposantes Wesen, 3 oder 4 Zentimeter lang, mit mächtigen Flügeln, die es über seinem Körper faltet. „Ich finde sie schon sehr spektakulär“, sagt Stöckl-Bauer. Im Sommer kann man sie dann beim Umherfliegen an Bächen oder Flüssen beobachten, allerdings nur kurz, denn nach Paarung und Eiablage ist es schon wieder vorbei mit dem Fliegen-Leben. Dieses Konzept scheint sich aber bewährt zu haben: Es wurde ein Fossil gefunden, das ein Vorfahr der Steinfliege ist, aus dem Karbon, also aus einer Zeit vor etwa 300 Millionen Jahren. Also das ist wirklich sehr spektakulär.

(Bildquellen: Foto Steinfliege: Wiki Commons/Eric Steinert;
Foto Stöckl-Bauer: privat)

*Auch die Artenkenner sterben aus – das hat der Bund Naturschutz in einer Studie nachgewiesen. Deshalb wird dringend Nachwuchs gesucht! Und damit sind in diesem Fall nicht nur (aber auch) blutjunge Schüler und Studenten gemeint, sondern alle Menschen jeglichen Alters, die Zeit und Lust auf ein neues Hobby haben (das zudem – Win-Win-Situation – auch noch Sinn macht). Mehr Infos gibt es dazu hier: https://www.bund-naturschutz.de/artenschutz-in-bayern/erosion-der-artenkenner/natur-und-artenkenner-werden.html.

Die Arten(kenner)-Serie: Die Kreuzotter

Viele Arten sterben aus – das wissen wir mittlerweile. Aber woher eigentlich? Von: den Artenkennern*. Das sind sensationelle Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Natur ganz genau zu beobachten. In einer kleinen Serie (die seit einigen Monaten jeden Montag im Münchner Merkur erscheint) stelle ich jeweils eine Art und ihren Artenkenner vor. Und weil diese Serie und all ihre Teilnehmer so toll sind, veröffentliche ich einige hier auf meiner Website.

Heute geht es um: die Kreuzotter! (Aber keine Angst, die tut nichts. Ehrlich.)

Wenn Sebastian Haas unterwegs ist, um Kreuzottern zu suchen, dann sucht er nach: Hundehaufen. Genauso sieht die Kreuzotter nämlich auf den ersten Blick aus, wenn sie sich zusammengerollt auf einem Weg sonnt. Das macht sie aber nur, wenn sie sich alleine wähnt, sobald sie den Menschen entdeckt, macht sie sich von dannen, und zwar geräuschlos. „Eine Kreuzotter kann auch über Laub praktisch lautlos davon kriechen“, berichtet Sebastian Haas. Der 42-Jährige ist Biologie- und Chemielehrer, verheiratet, Vater von drei Söhnen, engagiert sich für den Bund Naturschutz in Feucht – und kartiert in seiner Freizeit Kreuzotter-Vorkommen.

Denn südöstlich von Nürnberg, in einem Wald in der Nähe seines Zuhauses in Feucht (Kreis Nürnberger Land), gibt es eine „größere Restpopulation“, so Haas, geschätzt etwa 60 Tiere. Das sind relativ viele dafür, dass die eigentlich „großen“ Kreuzotter-Vorkommen in Bayern in den Voralpen, den Alpen, im Bayerwald und im Fichtelgebirge liegen – wobei „groß“ auch dabei eine Übertreibung ist, denn die Kreuzotter ist stark gefährdet.

Sie kommt mit der modernen Welt einfach nicht zurecht. Ihr Lebensraum, die Kleinstrukturen, gibt es kaum noch; Hecken, Steine, Baumstümpfe – was man eben so braucht als sonnen- und schattenliebendes Tier. Außerdem braucht sie Feuchtgebiete für die Aufzucht der Jungen, denn nur dort leben auch junge Frösche, die, tja, das Lieblingsgericht der kleinen Kreuzottern sind. Die ausgewachsenen Tiere fressen aber lieber Mäuse. Auf die warten sie lauernd, regungslos, stundenlang, stoßen dann vor, beißen mit ihren Giftzahn zu, ziehen sich wieder zurück und warten, bis die Maus durch das Gift stirbt, das dauert nicht lange, dann verschlucken sie sie komplett. Die Kreuzotter wäre viel zu schwach, um es mit einer Maus im Kampf aufnehmen zu können – sie ist eben keine Würgeschlange, sondern eine Giftschlange. „Die einzige bayerische Giftschlange“, betont Haas. Dieses Gift könnte auch uns Menschen schaden, aber eher theoretisch. Denn sie hat vor uns Angst und „nimmt sofort Reißaus“, berichtet Haas: „In den vergangenen 50 Jahren gab es bei uns keinen einzigen Todesfall wegen Kreuzottern.“ Umgekehrt gab es aber viele tote Kreuzottern wegen Menschen. Sie werden oft überfahren, von Lkw, Autos und Fahrrädern. Wer mit dem Moutainbike durch einen Wald fährt, merkt vielleicht gar nicht, dass er statt über einen Ast über eine Schlange gerollt ist – doch sie ist sofort tot. Deshalb bittet Haas um ein wenig Rücksicht – um unsere einzige echt bayerische Giftschlange.

(Bildquellen Foto Kreuzotter: Roland Geyer, Foto Haas: privat)

*Auch die Artenkenner sterben aus – das hat der Bund Naturschutz in einer Studie nachgewiesen. Deshalb wird dringend Nachwuchs gesucht! Und damit sind in diesem Fall nicht nur (aber auch) blutjunge Schüler und Studenten gemeint, sondern alle Menschen jeglichen Alters, die Zeit und Lust auf ein neues Hobby haben (das zudem – Win-Win-Situation – auch noch Sinn macht). Mehr Infos gibt es dazu hier: https://www.bund-naturschutz.de/artenschutz-in-bayern/erosion-der-artenkenner/natur-und-artenkenner-werden.html.

Die Arten(kenner)-Serie: Der Laubfrosch

Viele Arten sterben aus – das wissen wir mittlerweile. Aber woher eigentlich? Von: den Artenkennern*. Das sind sensationelle Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Natur ganz genau zu beobachten. In einer kleinen Serie (die seit einigen Monaten jeden Montag im Münchner Merkur erscheint) stelle ich jeweils eine Art und ihren Artenkenner vor. Und weil diese Serie und all ihre Teilnehmer so toll sind, veröffentliche ich einige hier auf meiner Website.

Heute geht es um: den Laubfrosch!

Zur Zeit ist es ja fast normal, es sich des Abends zu Hause gemütlich zu machen und Gratis-Konzerte anzuhören. Die meisten davon werden im Internet präsentiert – doch es gibt auch andere Quellen, etwa die Natur. Selbstverständlich denkt man da an ein Vogelstimmenkonzert, doch es gibt auch noch andere Arten, die für den aufgeschlossenen Zuhörer eine kleines Nachtkonzert bieten: Laubfrösche. „Den Laubfrosch kann man nachts gut hören, das ist eine wunderbare Abendkulisse“, erzählt Ulrich Meßlinger. Jetzt, wo die Nächte milder werden, kommen die Herrschaften langsam in Stimmung, erzählt Meßlinger. Das Ganze ist nämlich ein Balzkonzert: Die Männchen rufen nach den Weibchen; dabei formen sie aber kein gewöhnliches „Quaaaaak“ sondern eher eine Art sägendes Zirpen, „ein Geräusch wie äb, äb, äb“, erklärt der Artenkenner – schwer zu beschreiben, am besten hört man sich mal ein Beispiel im Internet an. Denn: „Die meisten wissen gar nicht, dass es ein Laubfrosch ist, der dieses Geräusch in ihrem Garten macht“, sagt Meßlinger.

Der 59-Jährige ist Diplom-Biologe, arbeitet in einem Fachbüro und engagiert sich für den Landesarbeitskreis Artenschutz des Bund Naturschutz als Experte im Bereich Amphibien. Schon seit der Jugend faszinieren ihn diese Tiere, der Laubfrosch hat es ihm besonders angetan. „Er ist sehr sympathisch“, erklärt Meßlinger. Er sieht wirklich putzig aus, nur 5 bis 6 Zentimeter groß, wirklich sehr grün und mit kleinen Saugnäpfen an den „Fingern“. Mit ihnen kraxelt er Bäume hoch, versteckt sich dort im Laub und wartet auf Fressen, zum Beispiel auf Blattläuse, Fliegen oder Asseln. Doch auch diese Frösche brauchen Wasser, sonst wären sie ja keine Amphibien. Sie bevorzugen sonnige, flache Gewässer wie Weiher, Gartenteiche oder Naturschutztümpel. Dort laicht er ab, dort werden die Kaulquappen groß; deshalb darf es darin auch keine Fische geben.

Dass es solche Gewässer kaum noch gibt, ist natürlich eine Gefahr für den kleinen Laubfrosch, wie auch Straßen und Landwirtschaft, wo er auf seinen weiten Wanderwegen leider oft zu Tode kommt. Wer dem Laubfrosch also etwas Gutes tun will, versucht, keinen „Katalog-Garten“ zu pflegen, so Meßlinger, sondern Sträucher, Büsche und Verstecke wie Reisig- oder Bretterhaufen stehen und liegen zu lassen. Wenn dann noch irgendwo ein Tümpel in der Nähe ist, und der Weg dorthin gefahrenfrei, dann können schon bald die Nachtkonzerte beginnen.

(Bildquellen Fotos: Ulrich Meßlinger)

*Auch die Artenkenner sterben aus – das hat der Bund Naturschutz in einer Studie nachgewiesen. Deshalb wird dringend Nachwuchs gesucht! Und damit sind in diesem Fall nicht nur (aber auch) blutjunge Schüler und Studenten gemeint, sondern alle Menschen jeglichen Alters, die Zeit und Lust auf ein neues Hobby haben (das zudem – Win-Win-Situation – auch noch Sinn macht). Mehr Infos gibt es dazu hier: https://www.bund-naturschutz.de/artenschutz-in-bayern/erosion-der-artenkenner/natur-und-artenkenner-werden.html.