Der Hirschkäfer

Das allererste Zusammentreffen fand nicht leibhaftig statt, sondern nur bildlich. Axel Schreiner hatte im Studium der Forstwirtschaft Ende der 80er Jahre ein Buch zur Hand genommen, in dem die Tiere des Waldes in Originalgröße abgebildet waren. Kleinsttiere wie der Lärchenblasenfuß, nur ein Millimeter groß, waren somit leider nicht mehr zu erkennen – der Hirschkäfer aber erschien umso beeindruckender mit seinen neun Zentimetern Länge. „Er sieht aus wie aus der Zeit gefallen, fast wie ein Ungeheuer“, dachte Schreiner damals fasziniert. Die zwei Jahre, die er danach in einem Forst arbeitete, kam ihm aber kein einziges solches Ungeheuer unter die Nase. Doch als er den Arbeitgeber wechselte, in das Naturschutz- und Jugendzentrum Wartaweil (Landkreis Starnberg), da dauerte es nicht lange, schon begegnete er dem ersten Hirschkäfer, live und in Farbe. Selbst als Schreiner einen Fotoapparat holte, blieb der Hirschkäfer brav an seinem Platz sitzen und ließ sich dann entspannt ablichten. „Der hat vor nichts Angst“, sagt Schreiner. „Nicht mal vor uns Menschen.“

Genau diese Verwegenheit beeindruckte Schreiner bald noch einmal: Ein Hirschkäfer tauchte bei einem Foto-Seminar in Wartaweil auf, platzierte sich auf dem Terrassengeländer und ließ sich von allen Teilnehmern bestaunen und fotografieren – er posierte geradezu.

Das hat der männliche Hirschkäfer auch gelernt, das Posieren. Als Larve verbringt er Jahre verpuppt am Boden zu. Sein Leben als Käfer dauert nur etwa acht Wochen lang. Er verbringt es erstens damit zu, Eichen zu finden, denn er kann sich einzig und allein nur von Eichensaft ernähren. Und zweitens damit, ein Weibchen zu beeindrucken und für sich zu gewinnen. Notfalls muss er dabei einen Gegner vom Ast stoßen, deshalb auch das Geweih.

Dieses kurze Leben aber ist gefährdet. Denn der Eichensaft ist in einem bewirtschafteten Wald nicht zu finden, da dafür erst einmal eine Faulstelle an der Eiche entstehen müsste, doch faulende Bäume werden gefällt. Das Fazit: „Es bräuchte also dringend wieder Urwälder“, sagt Schreiner. Damit man nicht bis nach Wartaweil fahren muss, um einem eindrucksvollen Ungeheuer zu begegnen.

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