Die Arten(kenner)-Serie: Der Buchdrucker

Viele Arten sterben aus – das wissen wir mittlerweile. Aber woher eigentlich? Von: den Artenkennern*. Das sind sensationelle Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Natur ganz genau zu beobachten. In einer kleinen Serie (die seit einigen Monaten jeden Montag im Münchner Merkur erscheint) stelle ich jeweils eine Art und ihren Artenkenner vor. Und weil diese Serie und all ihre Teilnehmer so toll sind, veröffentliche ich einige hier auf meiner Website.

Heute geht es um: den Buchdrucker! (Aka: Borkenkäfer.)

„Buchdrucker“ hört sich so harmlos an. Doch wehe, man hört den Überbegriff: Borkenkäfer! Schon tauchen Bilder von gefräßigen Monstern auf, die unschuldige Bäume massenweise als tote Gerippe hinterlassen. Doch hier gilt es, mit einigen Vorurteilen aufzuräumen. Erstens: Nicht jeder Borkenkäfer schadet. Es gibt etwa 110 Arten von Borkenkäfern in Deutschland, und nur „ganz wenige davon können Schäden im wirtschaftlichen Sinne anrichten“, erklärt Sebastian Seibold – darunter eben der Buchdrucker. Doch zweitens: Selbst dieser Buchdrucker ist kein Monster, sondern: „Es ist Teil seiner Ökologie, dass er lebende, gesunde Fichten besiedeln kann“, erklärt der Wissenschaftler an der TU München am Lehrstuhl für Ökosystemdynamik und Waldmanagement und stellvertretende Leiter des Sachgebiets Forschung im Nationalpark Berchtesgaden.

Teil seiner Ökologie? Das hört sich so schlicht an, doch in Wirklichkeit spielt sich da Unglaubliches ab. Der Buchdrucker ist ein unscheinbarer Käfer, winzig klein, etwa eineinhalb bis drei Millimeter groß, „man könnte ihn mit einem Dreckkrümel verwechseln“, berichtet Seibold. Sein Lieblings-Lebensraum befindet sich unterhalb der Fichtenrinde. Dort gräbt er Tunnel, legt Eier ab, und vor allem die Larven fressen dann das nährstoffreiche Gewebe, den „Bast“ zwischen Rinde und Holz weg, der Baum stirbt ab. Doch, und das ist wichtig: Ein einziger Käfer schafft es nicht, in dieses Fressparadies zu gelangen. Der Baum ist gewappnet mit klebrigem Harz und chemischen Abwehrstoffen – ein Käfer wird schnell abgetötet. Deshalb zieht er vereint in die Schlacht. Ein paar „Scouts“ suchen als Vorhut die Bäume ab, welcher ist schwach, angeschlagen? Dann rufen sie die Massen zusammen, per chemischer Kommunikation mit Duftstoffen. Vereint greifen sie zu tausenden den Baum an, nehmen ihn ein und vermehren sich massenhaft weiter.

Für Wirtschaftswälder ist das furchtbar, betont der 34-jährige Seibold. Doch der Experte weiß auch, dass der Buchdrucker eine heimische Käferart ist, die es eben überall da gibt, wo Fichten sind. Und: Er hat eine Funktion. Denn dort, wo man den Buchdrucker hausen ließ, etwa im Nationalpark Bayerischer Wald, sind vielfältige, robuste, stabile Wälder nachgewachsen, mit einer unglaublichen Artenvielfalt, bei Pflanzen wie bei Tieren. Er weiß, dass man den Käfer nicht in jedem Wirtschaftswald hausen lassen kann, aber vielleicht ab und an in einem Schutzgebiet oder in einem Privatwald? Eines ist ihm jedenfalls wichtig: „Ich plädiere dafür, nicht alles nur aus einer Perspektive zu sehen. Der Buchdrucker ist nicht nur ein Schädling.“ Sondern, wie wir nun wissen: ein tapferer, kluger, kleiner Krieger – auf der Suche nach dem Paradies.

(Bildquellen: Foto Buchdrucker: WikiCommons/ James K. Lindsey;
Foto Seibold: privat)

*Auch die Artenkenner sterben aus – das hat der Bund Naturschutz in einer Studie nachgewiesen. Deshalb wird dringend Nachwuchs gesucht! Und damit sind in diesem Fall nicht nur (aber auch) blutjunge Schüler und Studenten gemeint, sondern alle Menschen jeglichen Alters, die Zeit und Lust auf ein neues Hobby haben (das zudem – Win-Win-Situation – auch noch Sinn macht). Mehr Infos gibt es dazu hier: https://www.bund-naturschutz.de/artenschutz-in-bayern/erosion-der-artenkenner/natur-und-artenkenner-werden.html.

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